Stell dir vor, Du musst fliehen

Über Flucht, ihre GrĂŒnde und was wir damit zu tun haben.

Laut UNHCR sind derzeit ca. 68,5 Mio. Menschen weltweit auf der Flucht. Was hat das mit uns zu tun?

Alle Menschen könnten FlĂŒchtlinge sein. Niemand hat Einfluss darauf, wo und unter welchen Bedingungen er*sie geboren wird. Es ist allein dem Zufall geschuldet, dass wir in relativem Wohlstand und relativer Sicherheit leben.

Das Gros der Weltbevölkerung hat jedoch weniger GlĂŒck. Nur ein geringer Anteil der Menschen in den benachteiligten Regionen dieser Welt ist in der Lage, die persönliche Lebenssituation aus eigener Kraft zu verbessern. Warum ist das so? Wer oder was hindert sie daran?

Die Antworten auf diese Fragen sind vielfÀltig und stehen in direktem Zusammenhang mit der Art und Weise, wie die Bevölkerung der IndustrielÀnder ihren Lebensstandard gestaltet.

Entscheidend ist die Frage, welchen Einfluss die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen der IndustrielÀnder auf die Lebensbedingungen der Menschen in den benachteiligten Regionen haben.

Stell Dir vor, Du wÀrest eine*r dieser Menschen.

Es kann nur um eines gehen: Chancengerechtigkeit zu ermöglichen und ebenso nachhaltige wie faire globale Lebensbedingungen zu schaffen, damit Menschen nicht mehr fliehen mĂŒssen.

Es geht nicht darum, FlĂŒchtende zu bekĂ€mpfen und Fluchtmöglichkeiten zu verhindern!

„Wir sind hier, weil ihr unsere LĂ€nder zerstört.“

Die Politik muss sofort damit aufhören, sich den vermeintlichen Frieden in Europa durch zweifelhafte Abkommen mit den HerkunftslÀndern zu erkaufen.

Sie muss sich stattdessen ernsthaft zu einer menschenwĂŒrdigen und gerechten Politik bekennen und diese weltweit in der wirtschaftlichen und politischen Praxis umsetzen.

Erst dann werden Fluchtursachen abgebaut und erst dann wird das Sterben an den Grenzen Europas und im Mittelmeer ein Ende finden.

Es ist an uns, die Verantwortlichen immer wieder daran zu erinnern und diese Entwicklung einzufordern. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg und tÀglich verlieren Menschen ihr Leben auf der Suche nach einem sicheren Ort.

Deshalb kĂ€mpfen wir weiter – fĂŒr sichere HĂ€fen und legale Fluchtwege in einem offenen und freien Europa. Denn die Rettung und UnterstĂŒtzung von FlĂŒchtlingen ist eine humanitĂ€re Verpflichtung und kein krimineller Akt!

Was wĂŒrdest Du tun, wenn in Deinem Land Krieg herrscht?

  • Und die westliche Welt an Deinem Elend verdient: Etwa 82% der Gewinne aus RĂŒstungsexporten (374,8 Mill Dollar im Jahr 2017) entfallen auf die USA und Westeuropa,
  • Deine Angehörigen zu den ca. 160.000 Kriegsopfern gehören oder zu den mehr als 21.000 Kindern, die im Krieg getötet oder verstĂŒmmelt wurden,
  • Du drohst zu verhungern oder zu verdursten, weil Hilfslieferungen verhindert werden,
  • Deine Kinder zwangsweise als Soldaten*innen rekrutiert werden,
  • Du, Deine Familie und Deine Kinder Opfer von Vergewaltigung und Missbrauch werden, was aufgrund der AusnahmezustĂ€nde in Kriegsregionen tĂ€glich geschieht und stillschweigend geduldet wird,
  • Du keinerlei medizinische Versorgung mehr in Anspruch nehmen kannst, weil KrankenhĂ€user gezielt bombardiert und zerstört werden,
  • Dein Haus, Dein Hab und Gut und letztlich die gesamte Infrastruktur in Deinem Herkunftsland willentlich und systematisch zerstört wird?

Was wĂŒrdest Du tun, wenn Du in einem der arm gehaltenen LĂ€nder des globalen SĂŒdens lebst?

  • Und Rohstoffe wie Gold, Diamanten, Coltan und Öl in Deinem Land fast ausschließlich von den IndustrielĂ€ndern abgebaut werden, damit sich deren Volkswirtschaften mit gĂŒnstigen Ressourcen versorgen werden können,
  • und dadurch nicht nur die Umwelt in Deinem Land massiven Schaden nimmt, sondern auch Deine Existenzgrundlage fĂŒr immer zerstört wird,
  • die internationale Politik die Interessen der Konzerne unterstĂŒtzt, indem sie ihnen Handelsabkommen und Kreditvereinbarungen ermöglicht, die zu Lasten Deines Landes gehen und der dortigen Wirtschaft keinen Spielraum lassen,
  • Industriekonzerne Dich von Deinem Land vertreiben und Dich und Deine Kinder dazu zwingen, fĂŒr weniger als 1 Dollar pro Tag in den Minen und Betrieben zu arbeiten, die auf diesen FlĂ€chen entstehen,
  • internationale Agrarkonzerne, Bankenkonsortien und Investmentfonds riesige LĂ€ndereien pachten, um darauf Getreide oder Palmöl fĂŒr den Export in die IndustrielĂ€nder anzubauen und Dir damit den lebensnotwendigen Zugang zu Land und Wasser nehmen?

Was wĂŒrdest Du tun, wenn die Folgen des Klimawandels Deine Existenz bedrohen?

  • Weil durch gigantische Waldrodungen Erdrutsche ausgelöst werden, die ganze Regionen vernichten und Menschen in die Flucht treiben,
  • es aufgrund des steigenden Meeresspiegels zu Überschwemmungen kommt, die schon jetzt ganze Siedlungsgebiete in Asien fĂŒr immer zerstört haben,
  • Du den Preis fĂŒr steigenden Fleischkonsum und wachsende Reisefreudigkeit im globalen SĂŒden mitzahlst, wĂ€hrend Du selbst mit weniger als 1 Dollar pro Tag auskommen musst,
  • ganze Landstriche – vor allem in den afrikanischen LĂ€ndern – unter anhaltender DĂŒrre leiden, die Dir den Anbau von Grundnahrungsmitteln und die Viehhaltung unmöglich machen,
  • die IndustrielĂ€nder den Einsatz umweltfreundlicher Technologien zur Minimierung des Klimawandels bewusst verhindern, um so die Gewinne der Konzerne nicht zu schmĂ€lern,
  • Du in einem Entwicklungs- oder Schwellenland lebst und deshalb verstĂ€rkt zum Opfer von Naturkatastrophen als Folge des Klimawandels wirst, obwohl diese LĂ€nder insgesamt nur zu einem FĂŒnftel des weltweiten CO2-Ausstosses beitragen?

Was wĂŒrdest Du tun, wenn Deine Menschenrechte nicht geachtet werden?

  • Und Du einer von ca. 900 Mio. Menschen bist, die aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder ihrer Religion benachteiligt werden und um ihr Leben fĂŒrchten mĂŒssen,
  • Du in einem Land lebst, dass Dir keinerlei Recht auf freie MeinungsĂ€ußerung und politisches Engagement gewĂ€hrt,
  • Dich die totalitĂ€re Regierung in Deinem Land dazu zwingt, Dich einem System unterzuordnen, das seine Bevölkerung durch Zwangsarbeit und willkĂŒrliche Inhaftierungen mundtot macht,
  • Du Deine sexuelle IdentitĂ€t nicht ausleben kannst ohne dafĂŒr gefoltert zu werden oder im GefĂ€ngnis zu landen,
  • man Dir und Deiner Familie das Recht auf Bildung verweigert und Euch so in Armut hĂ€lt,
  • Du als Frau nicht die gleichen Rechte wie ein Mann genießt und deshalb nicht die geringste Chance auf ein selbstbestimmtes und unabhĂ€ngiges Leben in Freiheit hast?

WÜRDEST DU BLEIBEN?